Montag, 24 Juni 2019

Pressebericht - Verlegung Stolperstein S. Lewin


Seckenheim Vortrag und Ausstellung über die jüdische Geschichte / Nachfahren von Sigmund Lewin nehmen an Verlegung teil
Stolperstein als Erinnerung an ein Opfer der Diktatur


Autor: Hartwig Trinkaus (hat)

 Familie Lewin

Das Ehepaar Lewin (Mitte) mit Enkel Gerhard und Helga (vorne), dazu Schwiegertochter Katharina (rechts) und eine Freundin (links).
©  Repro STAMM

Stolpersteine sind nach einer Idee des Kölner Künstlers Gunter Demnig Messingplatten, die im Straßenpflaster eingelassen werden an Orten, wo Menschen von der nationalsozialistischen Diktatur verfolgt wurden. In die Steine sind Namen und Daten der Opfer eingraviert. So trägt das unter der Patenschaft von Familie Lottermann kürzlich auf dem Trottoir in der Offenburger Straße eingelassene Metall-Quadrat den Namen von Sigmund Lewin als Erinnerung und Mahnung an die nationalsozialistische Gewaltherrschaft.

Über seine Lebensdaten, seine zweifache Verschleppung durch NS-Schergen in Konzentrationslager und sein Überleben (wir berichteten) wurde dort, wo er lange Jahre als Fotograf tätig war, ausführlich und sehr persönlich gesprochen. An der Feier nahmen nämlich etliche Nachkommen der Familie Lewin, die teilweise Sigmund Lewin noch erlebt hatten und ihn sehr gut kannten, teil. Darunter waren auch seine Enkel Helga Wiese (Jahrgang 1938), Doris Schalk (1944) und Gerhard (Gerry) Lewin (1935), der via Smartphone aus Salem im US-Bundesstaat Oregon sowohl an der Verlegung des Steins vor dem Haus des Großvaters als auch an der Eröffnung der Ausstellung teilnahm.
Brief erinnert an Befreiung
Gerhard Lewin trat in die Fußstapfen seines Großvaters, wurde Fotograf, arbeitete in Deutschland sowie in der Schweiz und wanderte dann 1960 in die USA aus, wo er für das Statesman Journal, die wichtigste, schon 1851 gegründete Tageszeitung in Salem, als anerkannter Fotojournalist tätig war.
Er war auch mit einem Brief präsent, den Nina Wellenreuther, Tochter von Ralf Lottermann, verlas und in dem er die Eindrücke eines Kindes vom Tag der Befreiung Seckenheims schilderte: „Da, wo Sie an diesem Tag stehen, um meines Großvaters Sigmund Lewin zu gedenken, stand ich vor genau 74 Jahren an jenem Karfreitag, dem 30. März 1945 … zehnjährig und verbittert, dass mein Vater, Kurt Lewin – er war sogenannter Halbjude – kurz zuvor sein Leben als Soldat, für Deutschland kämpfend, geopfert hatte - genauso wie 325 andere Seckenheimer – bestimmte mein Gemüt meine Trauer… Wie graue Mäuse schlichen sie vorgekrümmt von Haus zu Haus … und dann stand er vor mir,- mein erster Amerikaner! Ein kurzes Lächeln zwischen uns– ein Bewusstsein – ja, ich war wirklich frei, ich überlebte!“
Nicht nur dieser Brief gab Anlass zu Gesprächen. Viele der gut hundert Teilnehmer der Steinverlegung kamen dann ins Heimatmuseum. Dort wurde eine von Wolfgang Vogler und Wilhelm Stamm kuratierte Sonderausstellung mit Fotografien aus der Hand von Sigmund Lewin, historischen Seckenheimer Bilddokumenten sowie Portraitfotos eröffnet. Zudem war ein Vortrag des Marchivum-Mitarbeiters Markus Enzenauer zur jüdischen Geschichte Seckenheims zu hören.
Er erläuterte, dass die Zahl jüdischer Bürger in Seckenheim sehr gering war. Sie orientierten sich an der jüdischen Gemeinde Ilvesheim bzw. Ladenburg, wurden auch ab 1860 in Ilvesheim bestattet. Etliche Seckenheimer, deren Familien im jüdischen Glauben wurzelten, heirateten Christinnen oder konvertierten sogar, wie etwa die bekannte katholische Familie Alperowitz. Dieser großartige Vortrag wurde mit viel Aufmerksamkeit aufgenommen.

© Mannheimer Morgen, Donnerstag, 28.03.2019

 Sponsor und Enkelin

Mitinitiator Ralf Lottermann und Helga Wiese, die Enkelin von Sigmund Lewin, mit dem Stolperstein, der an den Fotografen erinnert.
© Mager

 


 

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