Freitag, 20 April 2018

Zwangsarbeiter in Seckenheim

Zwangsarbeiter in Seckenheim

In der NS-Zeit (1933-1945) wurden mehrere Millionen Menschen aus ihren Heimatländern zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Dazu kamen noch Millionen Kriegsgefangene. Die Gesamtzahlen sind sehr schwer feststellbar, vor allem wenn man die Zwangsarbeit in den besetzten Gebieten einbeziehen und die Zahlen über den gesamten Zeitraum nennen will, also nicht die eines Stichjahrs.

Einer der besten Kenner, der Historiker Mark Spoerer, gibt für das Reichsgebiet die Zahl von 13,5 Millionen an. Wenn man den Zeitpunkt Herbst 1944 nimmt, sind folgende Zahlen wahrscheinlich: zivile Zwangsarbeiter 8 Millionen, Kriegsgefangene 2 Millionen, eingesetzte KZ-Häftlinge 600 000 (von insgesamt 2,5 bis 3,5 Millionen Menschen, die im KZ waren).
Die Kriegsgefangenen der Westalliierten waren relativ gut dran, weil sie unter Aufsicht der Wehrmacht standen. Allerdings galt für sie die mit Gefängnisstrafen bedrohte Regelung „des verbotenen Umgangs“ zwischen ihnen und Deutschen. Ganz schlecht behandelt wurden die sowjetischen Kriegsgefangenen, von denen mehr als die Hälfte starben.

Die zivilen Zwangsarbeiter aus den besetzten Gebieten wurden anfangs mit falschen Versprechungen angeworben, später wurden sie zwangsrekrutiert. In Deutschland fehlten wegen des Krieges viele Arbeitskräfte, die als Soldaten an der Front waren. Deshalb sollten die Zwangsarbeiter hauptsächlich die Kriegsgüterproduktion aufrechterhalten, wurden aber auch häufig in der Landwirtschaft und der Industrie eingesetzt. Über ein Drittel waren Frauen, die zum Teil auch ihre Kinder dabei hatten.

Für die Zwangsarbeiter galt kein Arbeitsschutzgesetz, auch durften sie bei Bombenalarm offiziell keine Schutzräume aufsuchen. Arbeiter aus Polen und Russland wurden am meisten diskriminiert, weil sie als rassisch minderwertig galten. Untergebracht waren die Zwangsarbeiter zumeist in Barackenlagern, in Turnhallen oder Schulen, einige aber auch privat bei Bauersfamilien.

Nach Seckenheim kamen schon im Herbst 1939 erste polnische Zwangsarbeiter, meist zur Unterstützung in der Landwirtschaft. Bei den Bauersfamilien gab es andere Arbeits -und Lebensbedingungen als in der Industrie. Die Verpflegung war wesentlich besser. So wurde z.B. die Vorschrift, dass sie nicht am Tisch der Familie mitessen durften, oft missachtet. Sie mussten aber ein „P“ an ihrer Kleidung tragen und durften Seckenheim nicht verlassen. Nach dem Frankreichfeldzug waren 1940 dann auch französische Kriegsgefangene in Seckenheim zur Arbeit zwangsverpflichtet. Sie waren im Gasthaus „Zum Hirsch“ (Zähringer Str. ) untergebracht. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion kamen 1941 auch Russen dazu, die das Abzeichen „OST“ tragen mussten. Sie arbeiteten bei Lanz und waren im Saal der Turnhalle der heutigen TSG Seckenheim (Hauptstraße 33) beim OEG-Bahnhof einquartiert.

In ganz Mannheim gab es im Jahr 1944 ca. 20000 Zwangsarbeiter in über 100 Lagern, vor allem in Schulen, Baracken und in Nebenräumen von Gasthäusern. Sie stammten vorwiegend aus Polen und Russland, es waren aber auch einige tausend Franzosen darunter.
Dass es in Mannheim französische Zwangsarbeiter gab, ist in Deutschland ein Sonderfall. Lagermäßig festgehalten waren sonst nur französische Kriegsgefangene. Diese konnten dadurch freikommen, dass für jeden zunächst angeblich zwei, später mehr Franzosen sich zu einem Pflichtarbeitsdienst (Service de Travail obligatoire, STO) nach Deutschland meldeten. Sie konnten „frei“ wohnen. Diese Gruppe zählte nach dem Krieg nicht zur Zwangsarbeit und erhielt auch keine Entschädigung.

Im November 1944 wurden ca. 1400 Männer aus St. Die und Umgebung (Vogesen) nach Mannheim verschleppt. Sie waren unter der Vortäuschung, sie sollten in ihrer heimatlichen Umgebung Panzergräben ausheben, zwangsverpflichtet worden. 300 von ihnen kamen ins Lanz-Werk auf dem Lindenhof, die übrigen in weitere Industriebetriebe und in kleinere Handwerksbetriebe. Die größten Lager befanden sich in der Diesterweg- und in der Pestalozzischule.

Von den aus den lothringschen Vogesen verschleppten Franzosen arbeiteten auch einige in Seckenheim, z.B. bei der Bäckerei Seitz, Hauptstraße 139 (heutiges Gasthaus „Zum Löwen“), und bei einer Metzgerei (namentlich nicht bekannt).

Im Gasthaus „Deutscher Hof“, Hauptstr. 201 und im „Kaiserhof“, Offenburger Str. 33 waren ebenfalls französische und polnische Arbeiter untergebracht, die vorwiegend bei Lanz arbeiten mussten.

 

Laut der NS-Ideologie galten alle Zwangsarbeiter als minderwertig. Auf der untersten Stufe standen die Polen und Russen, die deshalb am meisten unter der schlechten Versorgung und Behandlung zu leiden hatten. Die Franzosen mussten keine Abzeichen tragen, sie galten als etwas „höherwertig“.

In der Landwirtschaft waren die Arbeitsbedingungen und die Behandlung durch die Deutschen noch am erträglichsten, viel schlechter erging es jenen, die in den Industriebetrieben schuften mussten. Sie wurden sehr oft schikaniert und gedemütigt.

Auch in den Nachbargemeinden Seckenheims gab es viele fremdländische Zwangsarbeiter. In Mannheim-Rheinau gab es ein Barackenlager in der Düsseldorfer Straße (für das Stahlwerk Rheinau), in Mannheim-Friedrichsfeld ein Lager in der Schule (für Arbeiter beim Lanz). Ein kleines Kriegsgefangenenlager bestand in Wallstadt. In Mannheim-Feudenheim waren einige Zwangsarbeiter einquartiert, hauptsächlich zur Arbeit in Bäcker-und Metzgereien.

Luz 2018

 


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